Werkstattgespräche Recht und Gesellschaft
Die Sektion Rechtssoziologie der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) und die Vereinigung für Recht und Gesellschaft (VfRG) laden herzlich ein zur neuen Online-Veranstaltungsreihe ‚Werkstattgespräche Recht und Gesellschaft‘.
Diese Reihe richtet sich an alle, die sich aus unterschiedlichen Disziplinen mit Fragen an der Schnittstelle von Recht und Gesellschaft beschäftigen. In etwa 3–4 Terminen pro Semester bieten die Werkstattgespräche einen offenen Raum, um aktuelle Forschungsprojekte, theoretische Überlegungen oder empirische Zugänge vorzustellen und gemeinsam zu diskutieren. Auch unfertige Gedanken, erste Konzeptskizzen oder methodische Herausforderungen sind willkommen – das Format versteht sich explizit als work in progress.
Die Werkstattgespräche verstehen sich als Forum für offenen, interdisziplinären Austausch. Interessierte sind herzlich eingeladen, an den Sitzungen teilzunehmen, sich in die Diskussionen einzubringen und die Weiterentwicklung aktueller Forschungsansätze mitzugestalten.
Wer selbst ein Projekt vorstellen oder einen Werkstatttermin mitgestalten möchte, kann sich jederzeit an laura.affolter@his-online.de oder michael.wrase@wzb.eu wenden.
Die Veranstaltungen finden online statt.
Termine und Themen im Sommersemester 2025:
- 15. Mai 2025, 16:00-17.15 Uhr
Mit dem Recht gegen den Staat: Legalismus als Werkzeug politischer Gegenwelten
Dr. Anna Löbbert, WZB Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
- 26. Juni 2025, 16:00-17.15 Uhr
Zugang zum Gewaltschutzgesetz – Einblicke in ein laufendes Forschungsprojekt
Paula Edling, WZB Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
- 17. Juli 2025, 16:00-17.15 Uhr
Wirkung der Mutterschutz-Reform
Prof. Dr. Katja Nebe, Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Zugang zur Veranstaltung (Zoom-Link):
https://us02web.zoom.us/j/81487382499?pwd=QR4iDJ6S2bbWy1faLZlKn2lMy4U0FD.1
Meeting-ID: 814 8738 2499, Kenncode: 926585
Werkstattgespräch am 15. Mai 2025, 16.00-17.15 Uhr
Mit dem Recht gegen den Staat: Legalismus als Werkzeug politischer Gegenwelten
Dr. Anna Löbbert, Universität Oxford/WZB Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung
Welche Rolle spielt Recht in der Konstruktion gesellschaftlicher Wirklichkeiten?
Ein wachsendes politisches Milieu – von Behörden oft als „Staatsleugner“ oder „Reichsbürger“ bezeichnet – behauptet, dass die Bundesrepublik Deutschland kein legitimer Staat sei. Sie entwerfen eine alternative (Rechts-)Welt, die zwar auf bestehenden Gesetzen basiert, diese jedoch fundamental uminterpretiert. In ihren alternativen Rechtsvorstellungen sind die Gesetze der BRD für sie nicht bindend; stattdessen berufen sie sich auf die Rechtsordnungen historischer Staatsgebilde oder deklarieren eine natürliche Rechtsordnung, in der jeder Mensch sein eigener Souverän ist.
Trotz der offenkundigen Erfolglosigkeit vor Gerichten sind ihre Argumente weiterhin erstaunlich attraktiv und finden zunehmend Anhänger.
In meinem Beitrag frage ich, warum ein Milieu, das staatliche Institutionen vehement ablehnt, sich gerade juristischer Formen bedient, um seine Gegenwelt zu legitimieren. Ausgehend von einem rechtsanthropologischen Ansatz zeige ich, wie dieses Milieu rechtliche Sprache – unabhängig von ihrer praktischen Wirksamkeit – zur Produktion von Bedeutung und Legitimität sowie als Mittel zur Umsetzung und Konkretisierung einer politischen Vision einsetzt.
Zugang zum Gewaltschutzgesetz – Einblicke in ein laufendes Forschungsprojekt
Paula Edling, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB)
Wie (gut) können Betroffene von Beziehungsgewalt und Stalking durch Maßnahmen nach dem zivilrechtlichen Gewaltschutzgesetz Schutz erlangen? Unsere empirische Studie Zugang zum Recht in Berlin am WZB untersucht strukturelle, institutionelle und soziale Barrieren beim Zugang zum Recht. Im Kontext von Gewaltschutzverfahren treten hier zusätzlich spezifische Hürden zutage – etwa finanzielle und emotionale Abhängigkeiten, stereotype Argumentationsmuster in Familiengerichten sowie eine unzureichende Sensibilisierung behördlicher Akteur:innen.
Erste Ergebnisse einer quantitativen und qualitativen Analyse von 123 Gewaltschutzverfahrensakten an Berliner Gerichte zeigen, dass die Erfolgschancen auf eine Schutzanordnung davon abhängen, welche Form der Gewalt erlebt wurde und welche persönlichen Ressourcen den Betroffenen zur Verfügung stehen, um den formalen Anforderungen gerecht zu werden. Ergänzend zu der Aktenanalyse werten wir alle Gerichtsverwaltungseinträgen an Berliner Gerichten zwischen 2017-2024 statistisch aus. Weiterhin sind teilnehmende Beobachtungen an Familiengerichten sowie Interviews mit Beratungsstellen, Rechtsanwält:innen und Betroffenen geplant.
Die Studie leistet einen Beitrag zur empirischen Rechtssoziologie, indem sie konkrete Hürden im Zugang zum Recht in einem besonders vulnerablen Bereich aufzeigt und Ansatzpunkte für institutionelle Reformen benennt.
