Werkstattgespräch am 5. Februar 2026, 16.00-17.15 Uhr
Zwischen Strafe und Erziehung: Eine ethnografische Studie zu Jugenddiversion im Berliner Jugendstrafrechtssystem
Leonie Thies, Centre for Criminology, University of Oxford
Deutschlands Jugendstrafrechtssystem wird aufgrund der hohen Diversionsraten in der vergleichenden Literatur tendenziell als sanftes, nicht punitives System dargestellt. Der Begriff bezieht sich auf Mechanismen, die darauf abzielen, Jugendliche von einer formellen Strafverfolgung „wegzuleiten“, häufig indem sie an Sozialarbeiter*innen, die mit ihnen erzieherische Maßnahmen durchführen, verwiesen werden. Während die formalisierte Einführung der Diversion in den 1980er Jahren von wissenschaftlicher kritischer Auseinandersetzung begleitet war, gibt es heute kaum qualitative Studien, die sich mit tatsächlichen Diversionspraktiken auseinandersetzen. Anhand einer institutionellen Ethnografie in Berlin zeigt dieser Beitrag, wie eine historisch fundierte ethnografische Auseinandersetzung mit Diversionsmaßnahmen dazu beitragen kann, mehr über die Möglichkeiten und Grenzen formalisierter Alternativen zum Strafen herauszufinden. Zwischen November 2024 und April 2025 habe ich in Berlin 54 Diversionsfälle durch Beobachtungen und Aktenanalysen begleitet, Beobachtungen bei Bildungsprojekten der Diversionsstellen durchgeführt und qualitative Interviews mit 30 Personen (16 Sozialarbeiter*innen und 14 Jugendlichen) geführt. In meinem Beitrag werde ich meine ersten Ergebnisse zu den alltäglichen Praktiken der (Nicht-)Bestrafung im hegemonialen Schatten des Straf-, Zivil- und Migrationsrechts herausarbeiten.
Zoom-Link für den 5. Februar:
https://uni-hamburg.zoom.us/j/66963201798?pwd=GvYadEaWyxbamtd5XmWLZFwLnGck25.1
Meeting-ID: 669 6320 1798
Kenncode: 63576739
